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Friedberger Botschaften zur Reformation

An vielen Gebäuden in Friedberg, Ockstadt, Fauerbach und Ossenheim finden Sie im September und Oktober Botschaften der Reformation für das Leben und Zusammenleben heute.
Diese Botschaften haben immer etwas zu tun mit dem Gebäude, an dem sie zu entdecken sind. Halten Sie die Augen auf und entdecken Sie, wie die Reformation bis heute wirkt und welch „frischer Wind“ von ihr ausgeht.

Bildung für alle

Die Reformation war auch eine Bildungsbewegung. Es war eine von Luthers Neuentdeckungen, dass jeder Christ fähig sein müsse, die Bibel selbst zu lesen. Das setzte voraus, dass möglichst viele des Lesens mächtig wurden. An vielen Orten kam es zur Gründung von Schulen. Diese sollten für alle Schichten zugänglich sein und von Jungen wie Mädchen besucht werden! Auch die Augustinerschule in Friedberg verdankt sich dieser Entwicklung. Luther selbst drängte dabei die Schulen, nicht nur das Lesen zu lehren, sondern zu „Frieden, Recht und Leben“ beizutragen.

Bildung in reformatorischer Tradition hat die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen in allen ihren Dimensionen im Blick. Sie will anregen, die Welt in vielfacher Weise wahrzunehmen und zu verstehen. Sie will anleiten, Dinge und Positionen selbst beurteilen zu können. Sie will dazu befähigen, sich mit den eigenen Begabungen einzubringen und sich mit anderen Meinungen konstruktiv auseinanderzusetzen. Bildung in diesem Sinne stärkt die Freiheit und die Verantwortung eines Menschen.

In unserer Kirchengemeinde gibt es darum eine Fülle von Bildungsangeboten: Von den Kindergärten über die Angebote des Familienzentrums bis zur Sommeruni.

André Witte-Karp, Pfarrer

Mitten im Leben...

… sollen sie stehen und inmitten ihrer Gemeinde sollen sie wohnen und so („immer“) erreichbar sein – die Pfarrer und Pfarrerinnen. Dafür stehen die Pfarrhäuser auch hier in der Friedberg.

Mit Martin Luther und der Aufhebung des Zölibats wurde das evangelische Pfarrhaus geschichtlich betrachtet in den darauffolgenden Jahrhunderten zu einer bedeutenden Institution. Das christliche Leben des Pfarrers mit seiner Frau („der Pfarrfrau“, die traditionell oft den Kindergottesdienst hielt und den Frauenkreis leitete) und den Kindern darin sollte Vorbild für andere Familien sein. Es war Treffpunkt zur Diskussion für geistliche, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen innerhalb eines Gemeinwesens. Es galt als Anlaufstelle für Menschen in Not, die um Unterstützung suchten u.a.m.

Vieles davon ist das evangelische Pfarrhaus heute immer noch und doch hat sich manches gerade in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Die „klassische Pfarrfamilie“ gibt es so kaum mehr. Heute werden auch Frauen ordiniert. Manche Pfarrer und Pfarrerinnen leben alleine oder sind geschieden. Sind verheiratete Frauen Pfarrerinnen, findet sich der dazugehörige Ehepartner eher selten in die Rolle des „Pfarrmannes“ ein, da er selber einen eigenen Beruf nachgeht. Auch die Frauen von Pfarrern tun das. Dass darüber hinaus auch die Kinder aus Pfarrfamilien nicht immer „wohl geraten“, weiß jeder, der die Lebensgeschichte der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin kennt. Doch gerade so ist es: nach dem gelingenden Leben zu suchen, zu dem auch das Scheitern gehört, für sich und in besonderer Weise für andere, dafür steht das evangelische Pfarrhaus und der Menschen, die darin wohnen.

Claudia Ginkel, Pfarrerin

In der Nächsten Nähe

Diesen Slogan der Diakonie Deutschland von 2016 finden wir so treffend, das wir ihn gern für die Charakterisierung unserer Arbeit verwenden – alltäglich und in diesem Reformationsprojekt der evangelischen Kirche in Friedberg.

Diakonie ist der Dienst am Nächsten – in persönlichen Krisen, in schwierigen Lebenslagen, in ungleichen und ungerechten Verhält- Wir thematisieren nissen, unabhängig von ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Identität. Und die Mitarbeitenden des Diakonischen Werks Wetterau sind immer in der Nähe Menschen – denn wir arbeiten mit neun Dienststellen wohnortnah für alle Menschen in der Wetterau.

Die Themen der Reformation – Gerechtigkeit und Gemeinsamkeit – sind in unserem Dienst am Nächsten grundliegend. Sie bilden den großen gemeinsamen Nenner von Kirche und Diakonie. Und sind damit für dieses Reformationsprojekt ideal, um Flagge zu zeigen – In der Nächsten Nähe.

Simone Parbel, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit beim Diakonischen Werk Wetterau

Die Würde des Menschen altert nicht

Es ist die Zeit nach dem Mittagessen, als ich den Aufenthaltsbereich in einem Pflegeheim betrete. Sechs Personen, alle im Rollstuhl, sitzen sehr eng um einen Tisch herum. Draußen scheint die Sonne. Die Hälfte schläft oder hat die Augen geschlossen. Es ist sehr, sehr still. Wie Vögelchen im Nest, denke ich.

Eine Dame wendet ihren Kopf zu mir und ich grüße. „Wir sitzen hier und warten, weil wir nicht wissen. Wir warten.“ – „Worauf warten Sie denn,“ frage ich. „Wir warten, dass wir in den Keller kommen. Wir wissen ja nicht, ob wir in den Keller kommen.“ „Ach, in den Keller,“ sage ich, als sei das eine klare Sache, habe aber keine Ahnung, worauf dieses Gespräch hinauslaufen wird. „Ja, in den Keller kommen,“ wiederholt mein Gegenüber. „Was gehört denn in den Keller?“ Mit der Frage versuche ich, den Gedanken der Frau auf die Spur zu kommen. „Die Kartoffeln sind im Keller,“ antwortet sie nach einer kurzen Pause. „Ja, die Kartoffeln,“ sage ich „aber wir sind ja keine Kartoffeln.“ Jetzt geht ein großes Lächeln über ihr Gesicht, und sie fährt fort: „Nein, wir sind keine Kartoffeln, nein keine Kartoffeln. Wir sind keine Kartoffeln. Wir sind Menschen.“„Wir sind Menschen,“ bestärke ich ihren Gedanken. „Menschen, ja wie schön, wie schön, wir sind Menschen, wie schön. So lange man uns lässt. Wir sind Menschen, wie schön.“

Ihre Augen strahlen.

Ernst Rohleder, Pfarrer für Altenseelsorge im Evangelischen Dekanat Wetterau

Schätze neu entdecken

Ein Museum kann mit einer Schatzkammer verglichen werden, wobei es hier weniger um materielle Werte geht, als um ideelle.

Das Wetterau-Museum sammelt originale Gegenstände, die sich aus den verschiedenen Epochen menschlichen Lebens in dieser Stadt, in dieser Landschaft erhalten haben – von der Vorzeit bis zur Gegenwart. Diese ‚Schätze‘ (unser Kulturgut!) werden für kommende Generationen bewahrt und in Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Durch das Ausstellen und Vermitteln werden die Sammlungsstücke in historische Zusammenhänge gebracht, werden ihre Geschichte und Geschichten erzählt. Menschen können im Museum direkt in Kontakt mit einmaligen und originalen Zeugnissen einer fernen oder auch nahen Vergangenheit kommen, sie (neu) entdecken, um etwas über das ‚Woher‘ zu erfahren und um Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen. Damit ist auch die Vergewisserung der eigenen Identität verbunden, die Bestimmung des eigenen Standorts. Von einer solchen Position aus kann der Blick in die Zukunft gerichtet, können fundierte Perspektiven entwickelt werden. – Eine andere Metapher bezeichnet Museen als unser (kollektives) Gedächtnis – ein Gedächtnis, das nicht nur ein Menschenleben, sondern Generationen, Jahrhunderte, Jahrtau-sende zurück reicht.

Nur wer sich erinnert, weiß, wer sie/er ist, wo sie/er steht, wohin sie/er gehen möchte. Ohne Gedächtnis wären wir orientierungslos.

Johannes Kögler, Leiter des Wetteraumuseums in Friedberg

Die Freiheit des Glaubens ist unverletzlich

Das Grundgesetz – eine Vision davon, wie staatliches Handeln geschehen soll. Denn die Freiheit des Glaubens ist ebenso wenig unverletzlich wie die Würde des Menschen.

Es ist spannend – sie müssten nicht geschützt werden, wenn die Situation der Formulierung entsprechen würde. So ist auch dieser Grundgesetzartikel eher eine Forderung und Zielsetzung als eine Beschreibung der Realität. Die Freiheit des Glaubens – sie gilt zu allererst den Minderheiten – Minderheiten stehen unter besonderem Schutz des Grundgesetzes.

1949 hat niemand daran gedacht, dass andere Religionen neben der christlichen in Deutschland gelebt würden. Aber umfassend ist dieser Schutz gerade für die, die noch nicht mitgedacht wurden. Und – es wird kein Unterschied zwischen Bundesbürgern oder Ausländern gemacht. Die Freiheit, sich unabhängig zum eigenen Glauben zu bekennen, schließt auch die Freiheit ein, den Regeln, Festen und Ritualen der persönlichen Überzeugung folgen zu dürfen. "Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." Der Staat darf keine bestimmte Glaubensauffassung oder weltanschauliche Bindung von seinen Bürgern fordern.

Susanne Domnick, Pfarrerin

Von Luthers Entdeckung der „Freiheit eines Christenmenschen“ war es ein weiter Weg bis zum Grundrecht auf Glaubensfreiheit!

Weisheit ist bei denen. die sich raten lassen!

(Sprüche 13,10b)

Das haben also schon die Menschen zu alttestamentlichen Zeiten gewusst! Nicht allein mit den vielen Fragen, Zweifeln, Erfahrungen, dem Missmut und den Sehnsüchten bleiben. Die Klugheit der Anderen nutzen, ihre Sichtweisen ernst nehmen (nicht notwendig übernehmen!), mich anregen lassen und neue Blickwinkel geschenkt kriegen:“ Anschließend ist man immer schlauer!“ „Wer weiß, was es sonst noch gibt?!“

Das freut uns, die „Bewohner“ von Haus Friedberg, direkt vor der Burg, wenn Leute, die bei uns waren, das hinterher sagen können! Wir sind ja ein Haus der ev. Kirche von Hessen und Nassau, in dem sowohl Beratung für Einzelne als auch Beratung von Organisationen und Teams stattfindet. Dabei ist es weniger das Ratschläge-Bekommen, so unsere Erfahrung, als das Sich-Austauschen, das weiter hilft. Oft heißt es in den gängigen Ratgeberbüchern: folge dem, was Du fühlst und empfindest, lebe, was in Dir ist! Aber was ist das? In einer Welt, in der es keinen sicheren Rahmen mehr gibt, sollte ich vielleicht nicht nur auf meine inneren Stimmen hören ... Miteinander im Gespräch und im Kontakt gelingt es besser, sich zu sortieren – im Arbeitsleben wie im Privaten. Das auch mithilfe von „Professionellen“ zu tun, ist längst ein Zeichen dafür geworden, sorgsam mit sich und anderen umzugehen – ein kluger Schritt immer dann, wenn nicht verdoppelt wird, was ich sowieso schon dachte …

Jutta Rottwilm, Pfarrerin und Studienleiterin für Organisationsentwicklung im IPOS der EKHN

Frischer Wind in Gottes Häusern. Wir feiern mit, damit alle eins sind. 1200 Jahre Ockstadt

Offen, gemeinschaftlich verbunden und gastfreundlich feierten die Ockstädter ihre 1200 Jahrfeier am 26./27. August 2017.

Beim Spazieren durch den Ort luden die geöffneten Höfe zum Entdecken ein, wie sich das Leben vor einigen hundert Jahren abgespielt haben könnte: Schuster, Bäcker, Schmied, Holzschneidemaschinen und noch viel mehr. Straßentheaterszenen zeigten mit viel Witz, wie z.B. die Waschfrauen das alltägliche Leben meisterten. „Was ist denn das?“ Viele junge Menschen staunten über Gerätschaften, von denen sie nicht wussten, wozu man sie benutzte. Und manch älteren Menschen hörte man bei den Handwerkshöfen mit Rührung in der Stimme sagen: „Hier war ich als Kind und die Luft hat nach Pferd gerochen.“

Vergangenes lebendig machen und den Blick für die Zukunft schärfen, das konnte man an der Kirche erleben. Nebeneinander – fast unter einem Dach - präsentierten sich die katholische und evangelische Gemeinde bei ihren Ständen mit „Lutherie“ und „Kirchenrallye“.

Sichtbar wurde der Dialog auf dem Kirchplatz. So leuchteten anlässlich des Reformationsjubiläums weithin sichtbar die ev. Fahne: „Frischer Wind in Gottes Häusern“ neben der kath. Fahne: „Wir machen mit, denn alle sollen eins sein.“ Der gemeinsame Festgottesdienst entführte die ökumenische Gemeinde in eine Vision für eine bessere Welt und für ein schönes Ockstadt durch die Zeiten hindurch, die nur im verantwortlichen Miteinander, in Dankbarkeit für Gottes Schöpfung und im Dialog aller gelingen kann.

Pfarrerin Sylvia Grohmann

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