Menu
Menü
X

Predigttexte

„… denn es ist eine Kraft Gottes!“
Predigt im Rahmen des Festgottesdienstes am Reformationstag 2018


Stadtkirche Friedberg


Dekan Volkhard Guth: Ich mache mir Sorgen – nach den Wahlen. Seit Sonntag sind Ausgrenzung, populistische Parolen, offen geäußerter Rassismus, verbale Entgleisungen, Denunziation und Entdemokratisierung scheinbar demokratisch legitimiert in unserem Bundesland, mit Sitz und lauter Stimme. Dieses Klima, auch anderswo in Europa und in der Welt, bereitet mir Angst. Es ist nämlich auch der Boden dafür, dass in diesem Jahr in Deutschland im Schnitt jede zweite Woche ein Angriff auf ein Asylbewerberheim und ein Angriff auf eine Synagoge stattfinden.
Mit meiner Angst nicht alleine. Die Deutschen haben wieder mehr Angst. Das besagt auch eine Studie vom September diesen Jahres, die eine große deutsche Versicherung herausgegeben hat. Seit 25 Jahren fragt sie nach unseren Ängsten. Am meisten haben die Deutschen demnach Angst vor einer gefährlicher werdenden Welt durch die Politik Donald Trumps; Angst, dass die deutschen Behörden überfordert sein könnten mit den Geflüchteten; Angst vor Konflikten durch den Zuzug von Ausländern. Unter den ersten zehn Nennungen finden sich auch die Angst vor politischem Extremismus und die Angst vorm Altwerden. Acht von zehn Angst-Nennungen betreffen Grundstrukturen unsers gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Der biblische Satz „In der Welt da habt ihr Angst“ (Joh.16, 33) ist also eine realistische Beschreibung der Wirklichkeit, wie wir sie in unserer Zeit erleben. Aber der biblische Satz „In der Welt da habt ihr Angst“ ist theologisch betrachtet so etwas wie ein Nebensatz. Denn der Hauptsatz dazu lautet: „Ich aber habe die Welt überwunden!
Pfarrer André Witte-Karp: Es ist eine der großen Herausforderungen an unseren Glauben, der Wahrheit und der Tragfähigkeit dieser Aussage zu trauen – und sie dann auch zur Geltung zu bringen. Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeindeleute in Rom: Das Evangelium ist ein Kraft Gottes! Denn es ist das Evangelium von Jesus dem Christus. Daraus erwachsen seine Zuversicht und sein Mut.
365 Mal steht in unserer Bibel der Satz „Fürchte dich nicht“. Doch reicht alleine der wiederholte Apell? In Situationen, in denen ich mich in meinem Leben konkret geängstigt habe, war die Erfahrung, die mich gestärkt und die mir Mut und Kraft gegeben hat: Da ist jemand bei mir! Da ist jemand an deiner Seite, der oder die nicht so von Angst gepackt ist wie du selbst.
Dekan Volkhard Guth: Im Johannesevangelium ermutigt Jesus angesichts der Welt, in dem er auf sich selbst verweist. Und er beschreibt sein Wirken eben mit den Worten: „Ich aber habe die Welt überwunden.“ Damit ist sein siegreicher Kampf mit den Mächten gemeint, die es darauf angelegt haben, uns Angst zu machen. Im Vater-unser werden sie zusammenfassend „das Böse“ genannt, von dem wir erlöst, also befreit werden sollen. Darum bitten wir Gott.
Diese Mächte des Bösen, die mir Angst machen wollen, eint, dass sie allesamt lebensverneinend, lebensbedrohlich, lebenszerstörend sind. Ihnen ist Christus entgegengetreten! In seiner Verkündigung, in seinem Wirken, in seinem Leben: von der Versuchung durch Satan, über Krankenheilungen und Austreibungen, bis hin zum Kreuzestod. Er hat sich – das ist der Inhalt des Evangeliums – mit diesen Mächten auseinandergesetzt und ihnen den Kampf angesagt. Er hat sie zugleich auf sich genommen und unter ihnen gelitten. Und gerade darin hat er sie überwunden!
„Da Tod und Leben rungen; das Leben behielt den Sieg, es hat den Tod verschlungen“. (EG 101,4), so hat es einst Martin Luther in seinem Osterlied „Christ lag in Todesbanden“ zum Ausdruck gebracht.
Pfarrer André Witte-Karp: Davon geht auch Paulus aus, wenn er im Evangelium Christi die Kraft Gottes erkennt. Das ist der Grund unseres Glaubens. Das ist der Inhalt des Evangeliums. Deswegen ist es eine Kraft Gottes.
Dieses Evangelium gehört in die Welt. Es muss in die Welt, um es der Angst und allen lebensverneinenden Mächten und Gewalten unserer Zeit entgegen zu setzen.
Und dieses Evangelium entfaltet seine Kraft, wenn wir es einander zusagen. Das Tröstende und Ermutigende von jemandem zu hören, es zugesagt bekommen, hat eine viel größere Kraft als es mir selbst zu sagen. Sagen wir es einander zu, als gutes, als befreiendes Wort in einer Zeit der Krisen!
Dekan Volkhard Guth: Und damit wird das Evangelium politisch. Weil es in die Welt hinein spricht. Das Wort „politisch“ soll hier nicht auf die Bedeutung „parteipolitisch“ reduziert werden. Das würde das Politische, aber auch das Evangelium ideologisieren.
Denen, die dem Evangelium das Politische absprechen wollen, die es einzig in den Raum der Kirche verweisen wollen, müssen wir sagen: Das Politische muss in einer Demokratie weiter gefasst werden. Politisch sind nämlich auch gesellschaftliche Teilhabe, bürgerschaftliches Engagement und der Einsatz des Einzelnen für Aufgaben des Gemeinwohls.
Pfarrer André Witte-Karp: Politisch ist deshalb das Gemeinsame Mittagessen, das jeden Freitag unter dem Abendmahlfenster in dieser Kirche stattfindet. Politisch sind darum die Projekte „Alle können lernen – Schulmaterial für jedes Kind“ und „Kochen ohne Grenzen“ unseres Familienzentrums. Politisch sind der Deutschkurs für Geflüchtete, der Nähtreff und das Kirchenasyl.
Politisch sind alle diese Angebote, weil sie gegen die Tendenz von Segmentierung und Vereinzelung Menschen zusammenführen. Politisch sind sie, weil sie der fehlenden Anteilhabe konkreter Menschen entgegenwirken. Politisch sind sie, weil sie der Missachtung einzelner mit ihrer Lebenslage und ihrer Geschichte Respekt, Perspektive und Zutrauen entgegensetzen.
All diese Angebote geschehen im Namen dessen, der sagt: „Fürchtet euch nicht“. Sie sind Ausdruck des Evangeliums,  das – mit Paulus gesagt – selig und heil macht, weil es von Gottes Gerechtigkeit her denkt, vertraut und lebt.
Dekan Volkhard Guth: An einem Reformationsfestabend sei es gestattet zu sagen: Wir Evangelischen haben lange gebraucht, um das zu begreifen. Lange Zeit waren wir seit der Reformation in unserer Geschichte gar nicht gefordert, uns politisch durch das Evangelium zu positionieren. Wir waren lange Teil des Staates und solange sich die Obrigkeit als christlich verstand, schien alles gut.
Vor genau 100 Jahren – 1918 – passierte der Einschnitt: Plötzlich waren die Evangelischen auf sich gestellt. Plötzlich mussten wir uns in einem demokratischen Staat, der Weimarer Republik, neu orientieren und politisch positionieren. Wie schwer wir uns mit der Demokratie taten, zeigte spätestens die Machtergreifung des Nationalsozialismus.
Es war die Bekennende Kirche, die Politik, Staat und Kirche ins Verhältnis zueinander setzte: die Barmer theologische Erklärung drückt das aus! Kirche wird mit ihrem Evangelium politisch, wo der Staat sich religiöse Ansprüche aneignet oder wo er den Totalanspruch auf das Leben der Menschen formuliert.  
Dietrich Bonhoeffer hat demgegenüber deutlich gemacht: Christliches Dasein ist Da-sein für andere. (Evangelische) Kirche ist nicht mehr Teil des Staates, sondern Teil der Gesellschaft. Und so hat sie eine politische Stimme.
Es geht auch heute, einhundert Jahre später, nicht um „die Einmischung“ der Kirche, wenn wir mit der „Kraft des Evangeliums“ rechnen. Ich finde ohnehin, das Wort Einmischung suggeriert, die Kirche würde eine Grenze überschreiten, wenn sie sich öffentlich zeigt und äußert.
Wir mischen uns keineswegs in ein fremdes Gebiet ein, wenn wir uns als (evangelische) Kirche vom Evangelium her ernst nehmen und uns begründet äußern – und Wort und Tat.
Pfarrer André Witte-Karp: Unsere Demokratie lebt davon, dass wir uns als Bürgerinnen und Bürger und dass sich die zivilgesellschaftlichen Gruppen begründet äußern und einbringen. „Unser freiheitlicher, säkularisierter Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, lautet der berühmte Satz von Ernst-Wolfgang Böckenförde. Das heißt: Die Voraussetzungen unserer Demokratie liegen am Ende nicht in der Verantwortung des Staates, sie liegen in unserer Verantwortung!
In den zugespitzten, polarisierten Auseinandersetzungen, die wir erleben, gilt es,  eine Grundverantwortung besonders zu beherzigen: Die Freiheit, die ich habe, mich zu äußern, nimmt mich immer zugleich in Anspruch. Sie nimmt mich in Anspruch, das Recht aller auf diese Freiheit anzuerkennen. Wenn wir eine faire Diskussion führen wollen, müssen wir unterscheiden zwischen unserer Privatmeinung (die gehört uns) und unserer öffentlich geäußerten Meinung. Wenn ich meine Meinung öffentlich äußere – am Tisch, auf der Arbeit, in der Klasse, auf der Kanzel – wird sie Teil einer Diskussion, an der auch alle anderen teilnehmen. Die Demokratie lebt davon, dass wir unsere Meinung öffentlich äußern. Und sie lebt zugleich davon, dass wir nicht unterstellen, dass unsere persönliche Überzeugung so eindeutig ist, dass sie sogleich auch für alle andere Gültigkeit haben muss. (Hierzu: Daniel-Pascal Zorn, Logik für Demokraten. Eine Anleitung, Stuttgart: Klett-Cotta 2017)
Das ist die Herausforderung, dem Populismus nicht selbst populistisch zu begegnen und ihm so letztlich auf den Leim zu gehen. Es ist die Herausforderung, den simplen Verallgemeinerungen, den Pappkameraden, dem Opfermythos und der Demagogie des Populismus mit einer Haltung entgegenzutreten, die selbst demokratisch bleibt und so die Demokratie stärkt!
Im Ringen mit der Reformation ausgedrückt: Es geht um die Haltung einer Freiheit, die in Verantwortung führt und Verantwortung ermöglicht. Es geht um die Ausdrucksform: „Nicht durch Gewalt, sondern durch Überzeugung!“ – „Sine vi sed verbo!“ Und wir können ergänzen: Nicht durch das Schüren von Angst, aber auch nicht durch das Behaupten, wir stünden immer schon auf der richtigen, auf der guten Seite, sondern durch Überzeugung müssen wir wirken.
Dekan Volkhard Guth: Die Quelle dafür ist die Heilige Schrift, die wir zu lesen und das Evangelium, das wir auszulegen haben. Vielleicht müssen wir es am Reformationsabend wieder neu lernen: Wenn wir der Welt das Evangelium der Kraft Gottes zusprechen und zumuten, müssen wir unsere Bibel sorgsam auslegen. Und je „politischer“ ein Thema ist, umso konzentrierter muss es theologisch bearbeitet und ausgelegt werden. Das ist die Herausforderung an uns.
Das erfordert zum einen eine kritische Distanz uns selbst gegenüber, die Wahrnehmung unserer eigenen Interessen und Anteile. Das Evangelium dient nicht nur zur eigenen Erbauung.
Und das erfordert zum anderen eine kritische Solidarität mit unserem Land und dieser Gesellschaft aus dem Evangelium heraus. Die „Welt“ im Lichte des Evangeliums sehen. Das ist die Aufgabe, vor der wir vermehrt als evangelische Gemeinde stehen werden, die jeder Predigt aufgetragen und die jedem einzelnen zugebilligt wird.
Pfarrer André Witte-Karp: Die biblische Form der Ermutigung angesichts all dieser Herausforderungen lautet: „Fürchtet euch nicht!“
Auch diese Ermutigung setzt voraus, dass es Gründe gibt, sich zu ängstigen. Aber das „Fürchte dich nicht!“ macht deutlich, dass diese Gründe eben nicht das letzte Wort behalten können, von Gott aus nicht. Durch Jesus Christus sind sie überwunden und entmachtet! Deshalb ist das Evangelium mit Paulus gesprochen eben „eine Kraft Gottes“.
Dekan Volkhard Guth: Das Reformationsfest im Jahr 501 nach dem Thesenanschlag will uns als evangelische Gemeinde ermutigen und anleiten, unsere Sorgen und Ängste zu sehen und zu nennen. Im Lichte des Evangeliums dessen, der von sich sagt: In der Welt da habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Das Reformationsfest in diesem Jahr ermutigt aber auch, hörbar von der Zuversicht und dem Vertrauen zu reden, das wir aus dem Glauben an dieses Evangelium gewonnen haben.
Es ist die Kraft Gottes, die wir haben, wenn wir uns einmischen und auseinandersetzen.
Das, liebe Schwestern und Brüder, ist die öffentliche Rechenschaft der Kirche. Das ist ganz im Sinne des Apostels, wenn er freimütig bekennt: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes…!“
Amen.
_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙22. September 2018

Welche Lieder singen Sie?

 

Rock, Pop, Soul oder Kinderlieder? Klassische Arien unter der Dusche, Kirchenlieder im Gottesdienst, Volkslieder beim Wandern? Oder singen Sie gar nicht? Weil Sie denken, Sie könnten nicht singen, oder weil Sie nicht wandern, oder weil es peinlich ist, auf dem Bahnsteig zu stehen und zu pfeifen? Wir sind leise geworden, man könnte sagen, stumm, weil der Fernseher läuft oder die Benutzung der kleinen schwarzen Schachteln nicht zum Singen animiert.

 Landauf, landab, vor allem, aber nicht nur im Osten der Republik, ertönen wieder laute Lieder. Es wird gegrölt, gebrüllt, geschrien,"hauab" und "Merkel muss weg" und dazu läuft ohrenbetäubend deutschsprachige Musik. Aufhetzung, Hasstiraden, eine Verrohung von Sprache und Gedanken und Umgang, Fremdenhass und Gewalt - und alles wird lautstark nach außen gebracht. Ja, auch früher haben Menschen so gedacht. Aber bis vor wenigen Jahren war das nicht salonfähig und das wurde selten rausgegrölt. Jetzt werden die schmutzigen Lieder gebrüllt.

Die evangelische Kirche in Sachsen begegnet dem auf eine klare Weise. Heimatliebe und Weltoffenheit gehören für sie zusammen. Unter dem Motto „Wir in Chemnitz – aufeinander hören, miteinander handeln“ wirbt die Kirche um Gewaltlosigkeit, Respekt, Barmherzigkeit und Dialog. Deutlich wird in diesen Tagen, dass es nicht reicht, das Gegröle abstoßend zu finden und im Inneren anderer Meinung zu sein. Es ist wichtig, die anderen Lieder zu singen. Hörbar. Lieder, die uns zur Verbundenheit, zur Nächstenliebe, zum Mitgefühl einladen. Lieder zum Mitsingen.

In Sarajewo gibt es einen interreligiösen Chor, in Frankfurt auch. Einen interkulturellen Chor bilden auch wir, wenn wir miteinander sprechen und uns kennenlernen. Singen hilft gegen Verunsicherung, Angst und Einsamkeit. Sagen Sie "Stopp, ich bin da anderer Meinung", wenn vor Ihnen die fremdenfeindlichen Sprüche laut werden. Singen wir doch das Loblied der Demokratie, wenn uns der Klang von Solidarität und Gerechtigkeit wichtig ist. Gehen Sie wählen am 28. Oktober. "Kind, du bist uns anvertraut, wozu werden wir dich bringen? Wenn du deine Wege gehst, wessen Lieder wirst du singen?" 

Pfrin. Susanne Domnick, Ev. Kirchengemeinde Friedberg

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙18. August 2018

Erfrischendes Nass

 

Letzte Woche war ich nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder im Schwimmbad. Die Hitze war so groß und das Verlangen nach Abkühlung so stark, dass ich kurzentschlossen ins Usabad fuhr. Als ich dort am großen Schwimmbecken ankam, sprang ich ins Wasser und schwamm ein paar Bahnen hin und her so wie es die meisten Erwachsenen taten. Doch auf einmal hatte ich den inneren Impuls nicht mehr weiter zu schwimmen, sondern mich einfach auf den Rücken zu legen und mich treiben zu lassen. Ich schloss die Augen. Meine Ohren füllten sich mit Wasser. Ich hörte kaum mehr etwas von dem, was um mich herum geschah. Minutenlang verharrte ich so. Und auf einmal durchfuhr mich ein Glücksgefühl ungekannter Art. Das Wasser trägt mich. Ich gehe nicht unter. Ich werde gehalten und erfrischt. Wie wunderbar! Und mir kam in den Sinn: Sich vom Wasser getragen und gehalten zu erfahren, sich auf das Wasser einzulassen und sich ihm anvertrauen zu können ist etwas, das dem Glauben gleich kommt. So wie das Wasser mich trägt, so trägt mich auch Gott in allem, was mir begegnet und mir widerfährt, auch wenn manchmal hohe Wellen über mich einschlagen. Der Beter des 139. Psalms hat das einmal so ausgedrückt: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

Tragende Erfahrungen in und außerhalb des Wassers wünscht

Pfrin. Claudia Ginkel, Ev. Kirchengemeinde Friedberg

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙24. Juni 2018

Nichts ist für die Ewigkeit

 

Auf Plakaten in Fitnessstudios gibt es eine Menge plumper Sprüche. Viele davon wollen einen dazu motivieren, mehr aus sich herauszuholen. Vor einiger Zeit habe ich jedoch einen Spruch gesehen, der mich zum Schmunzeln gebracht hat. Da hatte jemand auf seine durchtrainierte Brust die Worte tätowiert: „Nichts ist für die Ewigkeit“. Die Haltung dahinter gefällt mir. Da macht einer mit beim Fitness- und Körperkult und freut sich an den Ergebnissen seines Trainings. Er misst dem aber nicht zu viel Gewicht bei, weiß um die Vergänglichkeit seines Tuns und hält das mit einer gehörigen Portion Selbstironie fest.

An diese fünf Worte muss ich in diesen Tagen wieder denken. Wenn es für den Sommer doch nicht mit der dir versprochenen „Strandfigur ohne Stress“ geklappt hat: Auch die hätte nicht ewig Bestand gehabt. Wenn dich die Zeugnisnoten deines Kindes beunruhigen: Sie legen die Wege der Zukunft nicht fest. Wenn dir Angst macht, wie schnell sich unsere Welt wandelt: Nichts ist für die Ewigkeit.

Mir hilft dieser Satz, immer wieder ein Rendezvous mit der Wirklichkeit zu wagen. Er hilft mir Krisen ernst zu nehmen, mich aber nicht verrückt machen zu lassen. Weder in Depression noch in Aggression zu verfallen, sondern mich herausfordern zu lassen. Was vor sich geht achtsam wahrzunehmen und mich doch zu vergewissern: Letztlich ist da etwas anderes, etwas tieferes, was mein Leben und diese Welt zusammenhält und Ewigkeit hat. Was es für den Menschen mit der tätowierten Brust ist, weiß ich nicht. Ich hätte ihn fragen sollen. Kämen wir heute ins Gespräch und fragte er auch mich, ich würde sagen: Für mich ist es Gott. Aber das wäre erst der Anfang eines Gesprächs und nicht die fertige Antwort.

Pfr. André Witte-Karp, Ev. Kirchengemeinde Friedberg

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙7. April 2018

Heimat

 

Wir haben jetzt ein Heimatministerium. Wie merkwürdig. Neben einem Verkehrsministerium und einem Verteidigungsministerium und einem Familienministerium. Ebenso komplex wie diese ist wohl auch das Heimatmysterium. Wie kann dieses Gewebe aus Erinnerung, Gefühl, Anhhänglichkeit, Idealisierung eingefasst werden?
Wir können uns daran erinnern lassen, dass es nicht unser Verdienst ist, in einem Land und in einer Gesellschaft geboren zu sein, die von Wohlstand, Freiheit und Teilhabe für den Großteil der Bevölkerung gekennzeichnet ist. Aber ist Heimat das, woher wir kommen? Ist Heimat ein Ort? Ist Heimat ein Gefühl?
Ich habe einige Menschen nach ihrem Verständnis von Heimat gefragt. „Heimat ist, wo ich mich geborgen fühle.“ „Heimat ist, wo ich dazugehöre.“ „Heimat ist da, wo ich wieder hinwill.“ „Heimat ist, wonach ich mich sehne.“
Vielleicht könnte uns das Ministerium daran erinnern, dass wir aus Heimatlosigkeit stammen, dass Fremdheitserfahrung entscheidend zu unserer Existenz gehört. Der Philosoph Ernst Bloch sagt: Heimat ist das, „was jedem in die Kindheit scheint, und worin noch niemand war.“
Heimat meint nicht unsere Herkunft, sondern etwas, was noch aussteht, was entstehen will. Heimat ist eine Utopie, wir sind noch nicht zu Hause, die Welt ist noch nicht zu Hause.
In der jüdisch-christlichen Tradition liegt der Blick auf dem, was wir als vermeintliche Heimat verlieren und hinter uns lassen müssen und der Ausblick auf das, was uns von Gott zukommt, was wir erwarten über die Wirklichkeit hinaus. Ein Heimatministerium im Sinne christlicher Leitkultur würde den Anbruch einer neuen Welt durch Gottes Wirken verkünden. Heimat ist ein religiöser Begriff, das wird mir klar in der Debatte um das Heimatministerium.

Pfrin. Susanne Domnick, Ev. Kirchengemeinde Friedberg

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 12. August 2017

Heitere Gelassenheit

 

Für viele startet spätestens am Montag wieder der Alltag. Die Urlaube liegen hinter uns, die Ferien sind vorbei. Und auch wer in den vergangenen Wochen seinen gewohnten Tätigkeiten nachgegangen ist, hat die Zeit vielleicht als ruhiger erlebt.

Jetzt nimmt also allerorten der ganz normale Wahnsinn wieder seinen Lauf: der Alltag mit seinen Routinen und Aufgaben, mit seinen Herausforderungen und Schwierigkeiten, mit seiner Schnelllebigkeit. Die Zeit, in der wir leben, ist ja alles andere als leicht zu bestehen. Das gilt für den Blick auf das große Ganze wie für viele unserer eigenen Lebensgeschichten.

„Je schwieriger die Zeiten, umso wertvoller wird heitere Gelassenheit“, lese ich an einem meiner ersten Alltagstage am Frühstückstisch in einer Wochenzeitung. Ich nehme mir die Zeit, koche mir noch einen Kaffee, lese den ganzen Artikel und komme ins Schmunzeln. Mir kommt die Geschichte in den Sinn, wie Jesus mitten auf hoher See einen heftigen Sturm verschläft. Die anderen im Boot geraten in Panik und regen sich über Jesu Gelassenheit auf. Es fasziniert mich, wie Jesus sich von Gott getragen weiß, gerade in stürmischer Zeit, und wie sehr ihn das zum Handeln ermutigt. Und seine kritische Frage an die anderen „Wo ist euer Glaube?“ höre ich jetzt mit einem deutlichen humorigen Unterton. Ich klappe die Zeitung zusammen und mache mich auf in meinen Alltag, beschwingter, mit heiterer Gelassenheit. Wie lange das vorhält? Mal sehen.

André Witte-Karp, Pfarrer in Friedberg und stellv. Dekan,
mit Dank an Martin Jockel, Gemeindepraktikant

______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 11. Juni 2017

Vater, Mutter, Licht, Liebe?

 

Als ich vorletzte Woche auf dem Kirchentag in Berlin war, wurde mir ein Flyer in die Hand gedrückt. Er empfahl sich als korrigierende Ergänzung zum Liederbuch, das allen angemeldeten Kirchentagsteilnehmern vorab zugeschickt worden war. Auf dem Flyer fand ich eine Auflistung mit Vorschlägen, wie Lieder so zu singen sind, dass sie der „gerechten Sprache“  genüge tun. Wenn in einem Lied beispielsweise das Wort Herr steht, möge ich Gott singen, wenn von Brüdern die Rede ist, bitteschön von Schwestern.

Ehrlich gesagt: Die bis ins letzte Detail vermerkten Alternativen fand ich übertrieben und zwanghaft. Nichtsdestotrotz fand ich den Impuls gut.Wie vielen fällt es manchmal schwer, das „Vater unser“ zu beten, weil die Erinnerung an den eigenen leiblichen Vater mit belastenden, ja vielleicht sogar gewaltvollen Erfahrungen verbunden ist.
Wie gut zu wissen, dass die Bibel auch andere Gottesbilder kennt. Von Gott „als stillender Mutter“ zum Beispiel oder auch „energetische“, apersonale Beschreibungen wie die, dass Gott die Liebe ist oder Licht. Sich das vor Augen zu führen und unsere Traditionen daraufhin zu überprüfen, ob sie andere Geschlechter und Religionen ausgrenzen, ist nicht nur wichtig, sondern kann auch heilsam sein für den eigenen Glauben und das eigene Verstehen. Gott lässt sich mit unseren Zuschreibungen, Bekenntnissen und unserer Sprache nie im Ganzen fassen. Sie bleiben immer vorläufig und sind ein nur ein Mosaikstein des großen Geheimnisses, in dem wir „leben, weben und sind“.

Pfarrerin Claudia Ginkel, Ev. Kirchengemeinde Friedberg

 

______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 20. Mai 2017

Reformationsjahr - ein Lutherjahr?

 

Häufig werde ich gefragt "was halten Sie denn vom Reformationsjubiläum?" "Was interessiert Sie?" "Naja, was denken Sie denn so über Luther, der ist ja jetzt in aller Munde?" Ach, Du liebe Güte, denke ich, muss das sein... Ja, was denke ich als Theologin und Pfarrerin über den Ahnherrn der Reformation wirklich?

Als ersten Text von Martin Luther habe ich im Studium "Von der Freiheit eines Christenmenschen" gelesen und war fasziniert, wie einer, tief eingebettet in der mittelalterlichen Welt, einen solchen Ausblick entwerfen kann. Dienstbare Magd und freie Frau zugleich, untertan und frei zugleich in der Bestimmung meines Handelns (auch wenn Luther 1520 dabei vermutlich nicht an Frauen gedacht hat, sind wir mitgemeint). Und nur wenige Jahre später ruft er auf, die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern zu zerschlagen wie einen tollwütigen Hund. Beschimpfungen und Vernichtungsphantasien gegen die Juden sind in vielen seiner Schriften zu finden. Luther rechtfertigt Hexenverbrennungen und denunziert Andersdenkende als Feinde Gottes. Wie wird ein radikaler Denker und Frager zu einem fundamentalistischen Hassprediger? Gegen die Frauen, die Bauern, die Juden, die Wiedertäufer. Luther wollte die Welt besser machen, Recht behalten, seine Erkenntnisse durchsetzen und ist seinem Zorn über die unvollkommene Welt erlegen.

Dem Martin Luther ist das Mitgefühl abhanden gekommen, scheint mir. Der hat gar nichts mehr gespürt außer, dass er sich im Recht fühlte. Ich les dann doch wieder lieber in der Bibel als Martin Luther - da staune ich über das Mitgefühl, das Jesus uns Menschen zutraut...

Pfarrerin Susanne Domnick, Ev. Kirchengemeinde Friedberg

 

_____________________________________

Kirchenpräsident der EKHN

Dr. Dr. h.c. Volker Jung

zur Jahreslosung 2017

„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36,26)

Das Herz ist ein besonderer Teil des Menschen. Es ist das Zentrum unseres Lebens, denn das Herz ist mehr als ein bloß leibliches Organ. Symbolisch steht es für das innerste Zentrum eines Menschen, der Ort, wo sich entscheidet, wie ein Mensch lebt.

„Er oder sie hat ein gutes Herz.“ Damit ist gemeint: Das ist ein Mensch mit viel Gespür für andere, mit gutem Geist und mit großer Hilfsbereitschaft. Wer das „Herz am rechten Fleck“ hat, ist ein offener und einfühlsamer Mensch. Unsere Wünsche sind oft „herzlich“. Wenn es nicht bloß eine Floskel ist, besagt das: Was ich dir wünsche, meine ich ehrlich. Es kommt aus meinem innersten Denken und Empfinden.

In der Jahreslosung für 2017 geht es um dieses innere Zentrum menschlichen Lebens. Die Worte stammen aus dem Buch des Propheten Hesekiel. Ihn beauftragt Gott, so erzählt es das Alte Testament, seinem Volk Israel zu sagen: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel Kapitel 36, Vers 26) Gott möchte einen neuen Anfang machen. Das „steinerne“ Herz will Gott entfernen und ein neues Herz schenken. „Steinern“ sind die Herzen der Menschen, die Gottes Gebote nicht mehr achten. Weil sie den Respekt vor anderen Menschen verloren haben – besonders vor den Schwachen. In der Bibel werden in diesem Zusammenhang immer wieder Witwen, Waisen und Fremde genannt. So geht es nicht nur um das Herz einzelner Menschen, sondern auch um das Herz der Gesellschaft - nämlich darum, wie sich eine Gesellschaft um die kümmert, die besondere Hilfe brauchen.

Wie ist es heute um unser Herz bestellt? Ganz persönlich? Und wie um das „Herz“ der Gemeinschaft, in unseren Familien, in unseren Dörfern und Städten, in Deutschland, in Europa, in der Welt? Natürlich auch in unseren Gemeinden und in unserer Kirche. Wo sind die Herzen „steinern“ geworden? Wo haben sie sich verschlossen oder sind dabei, sich zu verschließen – vor anderen Menschen und vor Gott? Diese Fragen werden von den Worten des Hesekiel angestoßen. Zugleich richten die alten Worte den Blick auf das, was Gott Menschen immer wieder nahegebracht hat und bis heute nahe bringt: Gott schenkt neue Herzen und einen neuen Geist.

In unserer Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau feiern wir das 500. Jubiläumsjahr der Reformation unter dem Motto: „Gott neu entdecken“. Martin Luther hat beim Studium der Bibel erlebt, wie Gott sein Herz mit einem neuen Geist erfüllte, ihm ein neues Herz schenkte: Aus Lebensangst wurde neue Zuversicht und aus Höllenfurcht tiefes Gottvertrauen.

Weltpolitische Entwicklungen, andauernde Konflikte und Kriege, terroristische Bedrohungen und vieles mehr verunsichern zurzeit viele Menschen. Doch Angst ist kein guter Ratgeber, weil Angst die Herzen eng macht und „versteinern“ lässt. Diese

Angst bedroht unser persönliches und unser gesellschaftliches Innerstes, denn sie wirkt sich darauf aus, wie wir leben wollen. Wenn es der Angst gelingt, unser Herz zu versteinern, dann verlieren wir viel von unserer Herzlichkeit und unserer Mitmenschlichkeit.

Ich wünsche mir, dass Gott die Herzen vieler Menschen mit einem guten Geist erfüllt, mit einem Geist des Gottvertrauens, der Zuversicht, der Nächstenliebe und der Offenheit. Das wünsche ich auch unserem Land und ganz Europa, damit wir uns nicht verschließen. Nicht voreinander. Und nicht vor den Menschen, die bei uns Hilfe und ein neues Leben suchen. Gott schenkt einen neuen Geist und ein neues Herz. Darin stecken die Lebenskraft und die Lebensfreude, die von Gott kommen und die wir für das neue Jahr mit all seinen Herausforderungen brauchen.

Deshalb wünsche ich - von Herzen: ein gesegnetes neues Jahr!

_____________________________________

Predigt zur Christvesper ∙ 24. Dezember 2016

Nun sind wir hier, Weihnachten beginnt, vielleicht auch für Sie, mit der Christvesper hier in der Kirche. Menschen, Musik, Worte. Klänge der Verheißung, vom Äußeren zum Inneren zu kommen. Von den äußeren Ebenen: Arbeit, Familie, menschlichen Beziehungen, den vielen Herausforderungen des Alltags. Zu den inneren Ebenen: unserem Wesenskern, tiefer als das, was wir besitzen und darstellen, das Bewusstsein unserer Identität als Mensch und Verbundenheit mit dem Göttlichen. Ein Sehnen, vom Äußeren zum Inneren zu kommen, ja, das könnte ein Grund sein, warum wir uns hier an Weihnachten versammeln.

Und dann die Weihnachtsgeschichte – sie beginnt mit der äußeren Ebenen, den äußeren Gegebenheiten: Es begab sich aber zu der Zeit, dass von Kaiser Augustus ein Gebot zur Volkszählung ausging!

Zählen wir auch hier in der Kirche für zwei Momente.
Vor manchen von Ihnen steckt am Vorderstuhl eine grüne Karte. Bitte seien Sie so freundlich und halten sie hoch, damit wir alle die grünen Karten hier in der Kirche sehen können.Das müssten 18 Karten sein. Das entspricht im Verhältnis von uns hier in der Kirche (1000) ziemlich genau der Zahl der Geflüchteten, die in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind. Gut 80 Millionen Einwohner in Deutschland, etwa 1,4 Millionen Geflüchtete. Und dann hören wir Sprüche, das solle eine Flut von Flüchtlingen sein? Eine Welle, die die äußeren Ebenen unseres Lebens hinwegschwemmt?

Und nun bitte ich alle, die eine blaue Karte im Stuhl vor sich stecken haben, diese für einen Moment hochzuhalten. Das müssten 50 Karten sein. Rund 5 % der Einwohner Deutschlands sind Muslime. Kann uns das wirklich Angst machen? Diese 50 lösen in uns aus, wir dürften nicht mehr leben, wie wir es für richtig halten? Diese 50 von 1000 könnten uns verbieten, an Weihnachten in die Kirche zu gehen? Diese 50 könnten uns zwingen, unsere Identität aufzugeben? Diese 50 gehören nicht zu uns? Sind nicht Teil unseres Lebens?

Beim Schreiben der Predigt habe ich überlegt, ob nun manche verärgert die Kirche verlassen – weil das in ihrem Verständnis nicht zu Weihnachten gehört. Was ich, inspiriert vom ersten Satz der biblischen Geschichte, sichtbar machen möchte, ist folgendes:     

Diese Zählung soll uns helfen zu sehen, was uns gesellschaftlich so unter Druck setzt. Weder Flüchtlinge noch Muslime sind der Grund für die tiefgreifenden Veränderungen unserer Welt. Weder Flüchtlinge noch Muslime sind die Ursache für Terrorismus. Durch Mord und Gewalt einzuschüchtern kommt dann zum Ziel, wenn wir uns vom Hass anstecken lassen und unser Erschrecken für Propaganda missbrauchen lassen. Wenn wir Vernunft und Mitgefühl ausschalten. Weihnachten, so meine ich, kann dem standhalten und der Gewalt sogar etwas entgegensetzen.

Die Weihnachtsbotschaft ist ein guter Nachhilfeunterricht bei Untergangsfantasien und Panikattacken und befreit von der Vorstellung, die bedrohte Welt mit Zäunen, Lagern oder brennenden Flüchtlingsunterkünften retten zu wollen.

Was können wir tun? Zusammenstehen, einander festhalten, Ängste und Vertrauen teilen. Leidenschaftlich dafür eintreten, dass Krieg und Gewalt nicht der Weg sind. Die Engel sagen: Furchtet euch nicht. Und sie sagen das nicht, weil die Welt so schön ist, sondern weil unsere Welt manchmal zum Fürchten ist.

Maria hat sich in den Dienst nehmen lassen. Menschen, die der göttlichen Berufung folgen, müssen nicht in der Kirche arbeiten. Vielleicht arbeiten sie in einem Konzern oder einer Bank. Wenige Menschen genügen, um die Welt von ihrer Gier, Gewalt und Selbstzerstörung abzuhalten. Gott braucht nur wenige Menschen, die furchtlos leben. Nicht unsere Sehnsucht nach Widerspruchslosigkeit und einfachen Lösung wird hier gestillt, sondern das Leben in Widersprüchen, bis ins Innerste berührt von der Not in der Welt – das wird gesegnet mit der Geburt des göttlichen Kindes. Gott steigt herab mitten in die Welt – das ist der Inbegriff der biblischen Botschaft an Weihnachten. Genau da hin, wo es weh tut. Glanz in der ärmsten Hütte, Segen auf der Flucht.

Und wenn die ganze Welt das Kampfgeschrei der nationalen Stärke anstimmt, wir Christen können da nicht einstimmen. Unsere christliche Tradition erzählt nämlich die Botschaft vom Abstieg und vom Loslassen. Mit dem Kind in der Krippe erzählen wir von der Macht im Zerbrechlichen, von der Kraft in der Schwäche.

Genüge ich? Leiste ich genug? Bin ich würdig?

Nein, bist du nicht. Und das ist Gott sei dank kein Nachteil. Denn Gott ist würdig. Und Gott steigt ab. In die Tiefen unseres menschlichen Lebens. Legt seine Göttlichkeit, seine Würde in die Krippe, in die nackte Existenz. Verschwenden wir doch nicht unsere Zeit damit, uns selbst und uns gegenseitig beweisen zu wollen, dass wir so nackt und hilflos gar nicht sind.    

Die Welt will nach oben kommen. Wenn von einem Krisengebiet Bedrohung für uns ausgeht, dann sind die meisten von uns ohne weiteres bereit zu einem präventiven Eingreifen. Im Klartext: bei Bombardierungen und Erschießungen den Tod tausender Menschen in Kauf zu nehmen. Ein Land vor dem Terrorismus und die eigenen wirtschaftlichen Interessen zu schützen scheint so plausibel. Doch unausweichlich folgt daraus die Notwendigkeit der Kriegswirtschaft, folgen daraus die obszönen Profite der Waffenhersteller und -händler. Wir pflegen unser Selbstbild und unsere Herrschaft. So vermeiden wir den Weg des Abstiegs.

Es ist schwer mit Erniedrigung umzugehen. Damit meine ich, mir Fehler und Scheitern so schwer eingestehen zu können. Ich will mich rechtfertigen, mich absichern, die Bloßstellung vermeiden, ich will mit meinen Verdiensten anerkannt werden. Erniedrigt werden, so erlebe ich das, weckt den Impuls der Rache in mir. Ich wehre mich zutiefst dagegen zu verlieren, weil es mich im Innersten verletzt.

Macht, Ansehen, Besitz – das sind die großen Versuchungen, denn sie hindern uns daran, Jesus nachzufolgen. Immer geht es um Aufstieg. Dabei wissen wir insgeheim, wenn wir hier sitzen, doch ganz genau, was Gott will. Dass wir unten ankommen, beim neugeborenen Sohn Gottes in der Futterkrippe. Dass wir die Straße des Friedens und der Demut, den Weg der Vergebung, der Gewaltlosigkeit, der Liebe zu den Niedrigsten, den Pfad der Berührbarkeit gehen. Die Straße, die nach unten führt. Das ist nicht der Weg in die Hölle, sondern der Weg ins Leben. Runter - das ist die Schnellstraße, der direkte Weg zu Gott. Das ist der Kern der Lehre und des Lebens Jesu.

Das ist noch anspruchsvoller als der Weg vom Äußeren zum Inneren, von den Äußerlichkeiten zum Wesenskern. Nicht waagerecht verläuft der Weg, sondern runter. Gott verwendet gerade das, was wir verweigern, verleugnen und fürchten, weil es unterlegen, demütigend und nach Niederlage aussieht. Die Bibel ist voll davon. Es sind die Bloßgestellten, die Ausgeschlossenen und Außenseiter, die ausgewählt werden. Gott verzichtet auf weltliches Ansehen, seinem Menschsein sollen wir nacheifern. Damit wir zu unserer Menschlichkeit finden. Wir sind hier, heute an Weihnachten, um die Angst abzulegen. Zum Beispiel heute abend beim Essen. Das Äußerliche ist nicht so wichtig. Umso wichtiger ist die Begegnung, ja, ich begegne dir heute Abend neu. Meine Schatten, meine Stärken – ich fürchte mich nicht! Und beim nächsten Mal, wenn wieder ein Mensch oder eine Gruppe oder ein Volk Schuld sein soll, überwinde ich meine Angst und trete dem entgegen. Damit wir Menschen werden, fühlende, mitfühlende Mitmenschen . Für's ganze Jahr soll das vorhalten, was uns heute am Heiligen Abend berührt. Etwas loslassen von unserem Ego, unserer Sicherheit. Verbundenheit spüren über alle Grenzen hinweg. Hingeben und empfangen. Lass dich berühren von dem, was unten liegt. Wenn wir absteigen, kommen wir an. Nur wer absteigt, kommt auch an. Bei sich selbst. Bei den Menschen. Bei Gott. In der Liebe.

Amen. Es gilt das gesprochene Wort.

Pfarrerin Susanne Domnick

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 17. Dezember 2016

Schöne Bescherung

Haben Sie schon alle Geschenke?

 

Eine Woche vor Weihnachten kann so mancher unter Stress geraten, wenn die Zeit fürs Vorbereiten gefehlt hat oder das Angedachte bislang noch nicht gefunden wurde. Aber vielleicht gehören Sie auch zu denen, die sagen: in diesem Jahr schenken wir uns nichts!? Wie auch immer: unsere Erfahrungen mit dem Schenken dürften sehr unterschiedlich sein. Freude und Enttäuschung haben wir schon erlebt, Begeisterung und vielleicht sogar auch schon mal ein richtiges Verärgert sein. Wenn ich mich zurückerinnere an das weihnachtliche Schenken in meiner Familie, dann fällt mir in besonderer Weise mein Vater ein und die Art und Weise, wie er ein Geschenk entgegen nahm. Er bestaunte dabei vor allem und für lange Zeit die Verpackung. Er freute sich an dem Geschenkpapier, an dem Muster, an den Farben, daran, wie es eingebunden war. Er wiegte es in Händen, er begutachtete seine Form, er hielt es an sein Ohr und lauschte daran. Sein Interesse schien gar nicht so groß zu sein, das Geschenk selber auszupacken. Vermutlich weil er sowieso schon wusste oder ahnte, was sich in so manchem Geschenk verbarg. Meine Mutter schenkte ihm jedes Jahr einen Wollpullover. Dieses Geschenk ließ sich leicht erraten und ertasten. Im Nachhinein erkläre ich mir sein Verweilen und Zögern beim Auspacken so: das Geschenk in seinen Händen, das noch nicht ausgepackt war, war wie eine Verheißung für ihn. Es war ein geheimnisvoller Moment. Vielleicht schwang im Unbewussten ein Moment der Sehnsucht mit und damit die Frage, was er sich denn eigentlich im tiefsten Inneren wünschen würde und was denn da vielleicht noch kommen könnte in seinem Leben. Gab es noch etwas, worauf er wartete? Jede Verhüllung enthält eine Verheißung. Jedes Geschenk deutet etwas Größeres an, eine Wirklichkeit, die sich nicht in Zahlen oder gar in einem Geldwert ausdrücken lässt. Geschenke, wenn sie von Herzen kommen, sind Zeichen, die deutlich machen möchten: bei dir ist gut sein. Mit dir fühle ich mich verbunden und will ich auch weiterhin verbunden bleiben. Und genau das ist das Anliegen, um das es Gott an Weihnachten geht, wenn er sich uns in seinem Sohn Jesus Christus schenkt. Ja, Gott selbst macht uns ein Geschenk. Sein liebstes und größtes, sein Kind überreicht er uns als Zeichen seiner Liebe zu uns Menschen. Ob wir es annehmen und auspacken? Ihnen allen wünsche ich eine schöne und gesegnete Bescherung!

Pfarrerin Claudia Ginkel, Evangelische Kirchengemeinde Friedberg

 

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 20. November 2016

Hoffnung durchzieht

 

Der November ist ein grauer Monat und kann einen gehörig runterziehen. Seine Themen und Fragen wiegen schwer. Wir gedenken der Pogrome gegen Jüdinnen und Juden, wir erinnern uns an die Opfer von Krieg und Gewalt. Wir fragen nach dem, was nicht gut läuft in unserem Leben und Zusammenleben. Und an diesem Wochenende ist auch noch Totensonntag. In diesem Jahr kommt mir der November besonders undurchsichtig und schwer vor. Nicht wegen der Wetterlage, sondern aufgrund dessen, was in unserer Welt vor sich geht. Allzu einfache Antworten auf die schwierigen Fragen unserer Zeit 3nden ihr Gehör. Autoritäre Kräfte drängen an die Macht. Der Traum von einem Zusammenleben in Freiheit, Gleichheit und Solidarität droht zu verblassen. Wie soll man da hoffnungsvoll bleiben?

Mir hilft ein Vergleich, den ich mir vom früheren Bundespräsidenten Johannes Rau borge. Er lautet: Die Ho4nung ist „nicht das Sahnehäubchen auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Teig“. Die Hoffnung ist nicht die süße Zugabe, die noch obendrauf kommt, wenn es eh schon gut schmeckt. Als „Hefe im Teig“ wirkt die Hoffnung durch unser ganzes Leben. Sie durchzieht gerade auch alle Sorgen und Ängste und alles, was bitter oder undurchsichtig erscheint. Sie gilt uns von Gott her für alle Zeiten und sie gilt der ganzen Welt. Sie bringt Luft ins Schwere und treibt an.

In diesem November würde ich diese Hoffnung konkret so ausdrücken: Es ist die Hoffnung, dass der Friede stärker sein wird als Hass und Gewalt. Es ist die Hoffnung, dass ein Zusammenleben, in das sich alle einbringen können, so verschieden sie auch sind, für das Wohl mehr bringt als die Abschottung der Einzelnen. Und es ist die Ho4nung, dass es mit dem Leben reicher weitergeht als wir es uns vorstellen können.

André Witte-Karp, Pfarrer und stellv. Dekan im Dekanat Wetterau

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 11. September 2016

Bilder gegen den Terror

 

An diesem Sonntag jähren sich die Terroranschläge vom 11. September 2001 zum fünfzehnten Mal. Wen man auch fragt, viele wissen noch, was sie an 9/11 getan haben. Die Bilder dieses Tages haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt. Heute, fünfzehn Jahre später, scheint sich zu verfestigen, was wir damals geahnt und befürchtet haben: Dass dieser Tag eine Zeitenwende markieren könnte.

Mit dem 11. September 2001 ist der Terror in die Weltgeschichte eingedrungen. Immer weiter hat sich die Spirale des Schreckens und der Gewalt, des Krieges und des Todes seitdem gedreht. Die militärischen Antworten haben den Hass weiter geschürt, den sie bekämpfen wollten. Und spätestens seit diesem Sommer wissen wir, dass auch die schrecklichsten Aspekte der neuen Weltgeschichte sich nicht draußen vor unserer Tür halten lassen.

Zur Logik des Terrors gehören das Drama und die Eskalation. Angst und Schrecken sollen sich steigern, sich weiter verbreiten, unser alltägliches Leben und Zusammenleben infizieren. Wie lässt es sich aus dieser Spirale aussteigen? Vielleicht ist ein erster Schritt, sich nicht in die erschütternde Erregung hineinziehen zu lassen. Nicht jede Nachricht zu verfolgen, die Normalität zu suchen. Im privaten wie im öffentlichen Leben. Und dabei den Menschen, auf die ich treffe, offen und mit einer interessierten Aufmerksamkeit zu begegnen. So können sich Bilder des alltäglichen Lebens in meinem Kopf festsetzen, die mich bereichern an denen ich mich freuen kann und an denen ich festhalten will. Das nimmt Angst und stärkt nicht zuletzt das Zusammenleben in einer freien und solidarischen Gesellschaft.

André Witte-Karp, Pfarrer in Friedberg und stellv. Dekan im Evangelischen Dekanat Wetterau

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 31. Juli 2016

Festhalten

 

Ich kenne das aus den Geschichtsbüchern. Meine Mutter kannte es aus ihrer Jugend. Mein Vater aus seinem Erwachsenenleben. Dass Richter abgesetzt werden, Journalisten verhaftet, Bürgerrechte ausgesetzt, das Parlament entmachtet und die Befugnisse des Staatsoberhauptes ausgedehnt werden. Dass ein (erfundener) Putschversuch als Rechtfertigung herangezogen wird.
Im Theologiestudium habe ich gelernt, wie die christlichen Kirchen darauf reagiert haben. Wie alle. Der Großteil hat sich einen Gewinn an Einfluss versprochen und mitgejubelt. Die Minderheit hat in eingeschränktem Rahmen widersprochen - und dabei ihr Leben riskiert. Als ich jung war, dachte ich, die hätten sich doch wehren müssen. Als ich älter wurde, verstand ich, wie schwer das gewesen war. Aber immer habe ich damit gehadert, dass die internationale Staatengemeinschaft zugeschaut hat.
Heute schaue ich fassungslos zu. Ich sehe, wie ständig an der Spirale der Gewalt weitergedreht wird, von allen. Und wie jede Verschärfung und Einschränkung von Rechten zu weiterer Gewalt führt. Ich bin bis in den Grund meiner Existenz enttäuscht. Wir hätten so unglaublich gute Chancen, es im 21. Jahrhundert besser zu machen.
Ich halte mich an einer Bitte aus dem Vaterunser fest. Ja, ich bin Christin und daran will ich unter allen Umständen festhalten, egal, was mich verzweifeln lässt: Vergib uns unsere Schuld und lass uns denen vergeben, die an uns schuldig werden.


Pfarrerin Susanne Domnick, Evangelische Kirchengemeinde Friedberg

 

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 16. Juli 2016

Martin

 

Martin ist mein Freund. Er ist vier, ich bin sechsundfünfzig. Wir verstehen uns gut.

Als ich aus dem Urlaub zurückkam, fragte Martin mich, ob es Alleskönner gebe. Ich überlegte, aber mir fiel niemand ein, der alles kann. Auch Martins Opa, der wirklich viel kann, ist kein Alleskönner. Also sagte ich: „Vielleicht Gott?“ Ich sah, wie es in Martins Kopf arbeitete. Er dachte nach. Ich auch. Wenn Gott alles könnte, könnte er Kriege beenden und den Mördern die Gewehre wegnehmen, er könnte den Nordpol um ein paar Grade runterkühlen und den Waisen ihre Eltern wiedergeben und den Bettlern Brötchen schenken. Tut er aber nicht. Manche sagen: Er könnte schon, er will nur nicht. Das wiederum will ich mir nicht vorstellen. So ein Gott wäre kaltherzig. Bleibt die Möglichkeit, dass auch Gott kein Alleskönner ist.
Es gibt Menschen, die tun so, als könnten sie alles. Sie haben immer ein Abschleppseil, ein Pflaster, ein Kochrezept und eine passende Antwort. Sie stellen keine Fragen, weil sie schon alles wissen. Sie sind mir nicht sympathisch. Wenn einer alles kann, braucht er keine anderen mehr. Eine Welt voller Alleskönner wäre eine Welt voller Einzelgänger. Vielleicht dachte Gott, Alles können ist auf acht Milliarden Menschen besser verteilt als auf einen einzigen Gott.
Martin kann gute Fragen stellen. Und aus Sand Kuchen backen. Ich kann zuhören und die Kirche aufschließen. Wir sind zwei. Das ist doch ein guter Anfang.
Pfarrerin Susanne Domnick, Evangelische Kirchengemeinde Friedberg

 

_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 22. August 2015

In the ghetto

Die Zeichen standen auf Elvis am vergangenen Wochenende. Petticoats durchwehten Friedberg und Bad Nauheim, die schicken Oldtimer rollten vorüber, auf den Bühnen wechselten sich die Elvis-Interpreten ab. Die Songs aus den Fünfzigern und Sechzigern haben trotz Regens viel Volk aus allen Altersgruppen angezogen. Ich habe das erste Mal bewusst auf die Texte von Elvis Presley gehört. Sie sind herzergreifend.
„Sieh dich um, sind wir denn blind? (Warum) drehn wir unsern Kopf weg und schauen in die andere Richtung? Ja, so macht es die Welt und der kleine hungrige Junge mit der tropfenden Nase spielt in den kalten Straßen in the ghetto. Und sein Hunger brennt...“ Und seine Mutter weint – bei seiner Geburt, weil sie nichts hat, und bei seinem Tod, weil er als junger Mann erschossen wird, als er selbst mit einer Waffe loszieht.
Ich denke an die Flüchtlinge aus Afrika. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zum Beispiel. In Gießen ist letzten Monat ein Achtjähriger angekommen. Wie groß muss die Verzweiflung der Mutter gewesen sein, dass sie ihr Kind auf eine ungewisse Flucht schickt, weil sie nicht warten will, bis es von irgendeinem Kämpfer erschossen wird oder selbst zur Waffe greift. Wenn sich jeder von uns Leserinnen und Lesern dieser Zeitung nur für einen einzigen Flüchtling interessiert und einsetzt, werden wir alle gewinnen.
Ja, wir sollten sie auch hier nicht in Ghettos sperren. Nicht in Container und nicht in Zelte – da gehören nicht nur keine Frauen und Kinder, sondern überhaupt keine Menschen hinein. Was singt Elvis? „Er lernt zu stehlen, er lernt zu kämpfen in the ghetto“ Und dann stehen die Leute betroffen herum um den zornigen jungen Mann, der da erschossen liegt. Lassen wir es doch nicht dazu kommen. „People, don't you understand: The child needs a helping hand“. Die Flüchtlinge gehören zu uns, wie schon einmal vor 70 Jahren. Im Gegensatz zu damals haben wir heute genug Platz.
Ich stelle mir vor, dass wir alle, die wir uns von Elvis Presley begeistern lassen, unsere helfende Hand denen ausstrecken, die aus der „kalten Chicago-Nacht“ geflohen sind. Wir können das anders machen mit den Flüchtlingen, niemand muss bei uns „in the ghetto“ landen!
Pfarrerin Susanne Domnick, Evangelische Kirchengemeinde Friedberg

 


_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 20. Juni 2015

Nagelprobe

Für Fußballfans war es das Thema am vergangenen Wochenende: Jogi Löw schaut nicht seinen Kickern beim EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar zu, sondern feilt sich stattdessen die Fingernägel. „Mir war ein Fingernagel eingerissen, da musste ich reagieren“, ließ er später verlautbaren. Für einen Moment wurden die Zuschauer so Zeugen einer eher ungewöhnlichen Nagelprobe. Nicht die Mannschaft stand auf dem Prüfstand, sondern der eingerissene Fingernagel des Bundestrainers.
Mir ist das doppelte Wortspiel von der Nagelprobe seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Gibt es eine solche eigentlich auch für den Gottesglauben? Wenn es uns gut geht, wenn alles glatt läuft, dann steht Gott meist nicht in Frage. Doch wenn es anders kommt als gedacht und erhofft, wenn mir Steine in den Weg gelegt werden, ich Belastendes erfahre und mir beispielsweise eine schwere Krankheit zu schaffen macht, dann fangen wir schnell an zu hadern und zu zweifeln. Gibt es für solche Momente eigentlich auch so etwas wie eine „Feile“?
Eine meiner „Glaubens-Feilen “ sind die Psalmen in der Bibel. In einem der bekanntesten heißt es einmal: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Diese Worte kann ich mitsprechen, sie zu meinen machen, mein Vertrauen in sie hinein legen und dabei an die Erfahrungen vieler Menschen, die vor mir gelebt haben, anknüpfen. Mit ihnen feile ich sozusagen behutsam um die angerissene Stelle herum. Es tut gut, solche Glaubens-Feilen bei sich zu führen.


Pfarrerin Claudia Ginkel, Evangelische Kirchengemeinde Friedberg

 


_______________________________________________________________

Wort zum Sonntag ∙ Wetterauer Zeitung ∙ 25. Januar 2015

Tu deinen Mund auf

Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und damit aller Opfer des Nationalsozialismus. 2015 jährt sich jenes Ereignis zum siebzigsten Mal. Das Heraufdämmern der nationalsozialistischen Rassen- und Herrenmenschenideologie etikettierte damals menschliches Leben zu entartetem, lebensunwertem, missliebigem Untermenschsein. Die Folge: Ungezählte und unzählige wurden zu Opfern und verloren ihr Leben.


 „Tu deinen Mund auf für die Stummen ... und sei Anwalt der Rechtlosen und Armen.“
Fassungslos fragen wir bis heute: Warum haben so wenige diesen Ruf aus dem biblischen Buch der Sprüche gehört und befolgt?
Diesem alten Ruf zur Zivilcourage zu folgen und Verantwortung zu übernehmen ruhte, auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht“, so Dietrich Bonhoeffer, der später selbst Opfer des Nationalsozialismus wurde.


Und selbst ohne einen Gottesglauben leben Menschen doch mit der Hoffnung: Nur der Mensch kann dem Menschen helfen!


Für beides wäre der Ruf nach Zivilcourage in dem biblischen Vers offen! „Tu deinen Mund auf für die Stummen …“ Der Glaube hinter dem guten Spruch braucht das Wort Gott nicht. Der weltliche „Glaube“ vertraut auf Menschen, die die Menschenrechte aufrichten. 70 Jahre danach gibt es gute Gründe innezuhalten und auch zu gedenken; 70 Jahre danach gibt es Gründe wachsam zu sein gegenüber all jenen, die all zu schnell etikettieren in unseren Städten im Namen von Kultur und Religion.


Wer beten kann, fleht seinerseits mit Worten des Psalms 83: „Gott, sei nicht stumm ...“, und mit dem Propheten Jesaja rufen er und sie: Gott, bewahre uns davor, zu stummen Hunden zu werden, „die nicht bellen können“ (Jesaja 56,10).

Pfr. Volkhard Guth, Dekan des Ev. Dekanats Wetterau

top